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05.02.2018, 11:54 Uhr
 
Landgraf-Meinung zur Zahl des Tages 10 316

Die Endphase der GroKo-Verhandlungen steht am heutigen 5.Februar mehr im medialen Fokus als die vielleicht wichtigste Zahl des Tages in Berlin und in ganz Deutschland: 10 316. Kluge Statistiker hatten es schon lange angemerkt: Genauso lange wie heute die Berliner Mauer weg ist, hat sie auch die Stadt geteilt, exakt 10 316 Tage. Das ist eine historische Zäsur und gute Gelegenheit zum Innehalten und Resümieren.

Einst stand ich als junge DDR-Bewohnerin im Schatten des sogenannten antifaschistischen Schutzwalls nach Ulbrichts Bauart. Den Mauerfall erlebte ich in der Leipziger Region, wo wir im Herbst 1989 quasi nur noch von Montag zu Montag lebten, mit den Demonstrationen auf dem Straßen-Ring der dunklen Messestadt. In der Nacht zum 3.Oktober 1990 stand ich als Mitglied der freigewählten Volkskammer auf den Stufen des Reichstagsgebäudes und feierte mit die deutsche Einheit. Seit über zwölf Jahren ist nun hier im neu entstandenen Parlamentsviertel an der Spree mein Berliner Arbeitsplatz.

Die physikalischen Spuren der Teilung sind hier verschwunden und nur mit Symbolen noch erkennbar. Das ist in Ordnung. Und wie sieht es mit der geistigen Teilung dieser sich ständig wandelnden Stadt und des Landes aus? Darüber lohnt es sich auch weiterhin nachzudenken und vielleicht auch zu streiten.

Politiker wie Autofahrer sollten durchaus hin und wieder in den Rückspiegel schauen. Aber wenn man sicher und schnell vorankommen will, sind der Blick nach vorn und ein „vorausschauendes Fahren“ ganz bestimmt ratsamer und wichtiger. Selbst wenn man nur „auf Sicht“ fährt, von Ampel zu Ampel, die nicht immer die „Freie Fahrt“ anzeigen. Dieser Mechanismus scheint auch für uns Politiker zu gelten, wo zudem viele Vorfahrtsregeln und Gebotszeichen zu akzeptieren sind.  Allerdings sollten wir diesen “Schilderwald“ nicht weiter wuchern lassen, damit wir in der Stadt wie in der Gesellschaft frei unterwegs sein können. Und das nicht nur an 10 316 Tagen.  

Ein grauer Streifen im Pflaster des Berliner Friedrich-Ebert-Platzes am Reichstagsgebäude erinnert an den Ort der Mauer… (Foto: Thomas Krafczyk)