Reden

Grußwort Katharina Landgraf anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 28. Jahrestag des Paneuropäischen Picknicks bei Sopron am 19.August 2017



Meine lieben ungarischen Freunde hier in Sopron! Diese Anrede kommt aus tiefstem Herzen.

Sie ist gefüllt mit Dankbarkeit und tiefem Ernst.

Einmal mehr darf ich als Mitglied der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag an den Gedenkfeierlichkeiten für das legendäre Paneuropäische Picknick vom August 1989 teilnehmen und zu Ihnen sprechen.

Als frühere DDR-Bürgerin und als Mitglied der freigewählten Volkskammer von 1990 will ich nicht aufhören, Ihnen, liebe ungarischen Freunde,  meine persönliche Dankbarkeit für Ihren Mut und ihren Freiheitsgeist und für ihre Sehnsucht nach Europa immer wieder ohne politische Floskeln zum Ausdruck zu bringen.

Das ist für immer eine besondere Herzensangelegenheit. Meine Reise hierher an diesen besonderen Ort der europäischen Geschichte, ja sogar der Weltpolitik, ist mittlerweile ganz fest in meinem Kalender eingemeißelt, wie in Granitstein, der niemals verwittert!

Das legendäre Paneuropäische Picknick bei Sopron vom August 1989 geht uns Ostdeutschen wohl niemals mehr aus dem Sinn. Ungläubig nahmen wir damals die Fernsehbilder aus der abendlichen „Tagesschau“ des 19. August auf. Wir sahen unendlich viele Menschen durch das geöffnete Grenz-Tor nach Österreich strömen. Viele von ihnen rannten, als ob es um ihr Leben ging. Sie kehrten dem Ostblock den Rücken und zogen in eine lang geträumte Freiheit. Sie ließen alles Denkbare zurück,  Familien, Verwandtschaften, Hab und Gut, auch den Trabi oder Wartburg, mit dem sie an den Balaton in den Urlaub gefahren waren.

Diese Bilder, diese Bewegungen waren und sind unvergleichlich.

Sie mit Ereignissen unserer heutigen Zeit und den Bildern unserer Tage zu vergleichen, ist nicht nur historisch falsch.

Der Exodus der DDR-Bürger und der massenhafte Grenzdurchbruch im August 1989 hier nahe Sopron war die Flucht in den anderen Teil des Vaterlandes, wo die freiheitlich-demokratische Grundordnung per Grundgesetz und die soziale Marktwirtschaft schon zu Hause waren.

Und schon oft wiederholt: Zum legendären Paneuropäischen Picknick ging es um einen Blick in die Zukunft und um die Beseitigung des Eisernen Vorhanges mitten in Europa.

Es ging um die Überwindung der Teilung unseres Kontinents und um den Sieg über die kommunistischen Herrschaftssysteme, die den Menschen ihre Freiheiten und Grundrechte genommen hatten.

Nach dem historischen Fall des Eisernen Vorhanges, der hier bei Sopron ganz praktisch vollzogen wurde, was wenige Woche später auch die Berliner Mauer einstürzen ließ, hatten wir alle die große Hoffnung auf eine lange Friedensdekade in unserer Welt.

In unserer Euphorie über die neu gewonnenen Rechte und Freiheiten hatten wir tatsächlich das Gefühl, dass das auch so kommen würde und der Friedenstraum Wirklichkeit würde.

Fast drei Jahrzehnte danach müssen wir sehr nüchtern feststellen, dass der große Traum vom Frieden überall nicht Realität geworden ist. Aber zugleich sind im Herzen des Kontinents die Ideale von Adenauer und Schumann von Kohl und Mitterand in eine große europäische Union geführt worden.     

Zweifelsohne war der schlimme Kalte Krieg trotz militärischer Hochrüstung ohne Blutvergießen zu Ende gegangen. Aber die langersehnte Friedensdekade war nur dem so genannten Kern-Europa vorbehalten.

Seit dem historischen Soproner Sommer von 1989 und den folgenden Umwälzungen in den zentral- und osteuropäischen Ländern ist die Europäische Union zu einer staatlichen Größe mit großem wirtschaftlichen Gewicht im Zeitalter der Globalisierung herangewachsen.

Das ist im Blick auf die frühere Geschichte des Kontinents ein unglaublicher Erfolg. Dieser hat jedoch auch ziemlich unpopuläre Seiten:

Die EU-Staaten sind so eng wie noch nie verwachsen, ja fast grenzenlos im wahrsten Sinne des Wortes. Die Freude darüber hat uns möglicherweise etwas von dem abgelenkt, was ebenso schnell gewachsen ist: Die Brüsseler Bürokratie. Fast unmerklich ist ein Paragraphen-Dschungel gewuchert, der unsere politischen und wirtschaftlichen Standbeine umzingelt und unsere Bewegungen einschränkt. Ist das im Sinne der Erfinder des friedlichen und versöhnten Europas?

Diese Frage stelle ich heute auch im Blick auf den Geist von Sopron, den wir ja alle gemeinsam leben wollen. Für die Antworten stehen wir gemeinsam in der Pflicht - als freiheits- und friedensliebende Europäer.

Gemeinsam müssen wir darüber nachdenken, ob wir im Lichte des wachsenden Europas und der Sonnenstrahlen der wirtschaftlichen Globalisierung möglicherweise die tatsächliche Entwicklung auf unserer Mutter Erde etwas ausgeblendet haben.

Haben wir übersehen oder nicht gespürt, dass andere Wirtschaftsregionen und andere Kulturkreise dieser Welt ins Trudeln geraten sind und der Globus allmählich mit ziemlicher politischer Unwucht durch das All rast?!

Es ist sicherlich ganz bequem, wenn die Globalisierung einen höheren Mehrwert für Produzenten und Händler und Verbraucher beschert - eben durch grenzenlosen Verkehr von Waren und Leistungen.

Wie steht es aber mit der grenzenlosen Mobilität von Menschen, deren Heimat durch wirtschaftliche Not, durch Terror, Krieg und religiösen Extremismus abhanden gekommen ist oder dieser Prozess immer stärker um sich greift?

Auf dieses Problem können wir nicht wie der deutsche Igel als eigentlich ganz possierliches und nützliches Nagetier reagieren. Dieser rollt sich bei äußerer Gefahr zur Kugel und streckt alle seine spitzen und gutverteilten Stacheln nach außen und hofft, dass die Gefahr schnell vorbei ist.

Ein solches Verhalten ist trügerisch und auf die Existenz der menschlichen Gesellschaft unserer Zeit kaum übertragbar, auch nicht angesichts der riesigen Flucht-Dimensionen, die in Zukunft auf unser Europa einwirken werden.

Wir brauchen eine langfristig wirkende, neue Sicherheitspolitik, um das gemeinsame Haus Europa vor jeglichen Katastrophen und vor jeglicher Überforderung zu bewahren. Die Flüchtlingskrise hat erbarmungslos unsere Schwächen in der Europäischen Union aufgezeigt. Wenn wir mit unseren rechtsstaatlichen und sozialen Sicherungssystemen bedürftigen Menschen aus nah und fern Schutz gewähren wollen, so müssen wir gleichzeitig auch den Schutz unserer Schutzsysteme sichern und dies wachsam gewährleisten. Ansonsten ist der ursprüngliche Zweck in Gefahr. Ich bin mir sicher, dass ich mich da bei vielen Menschen, die auf eine Willkommenskultur in meinem Land schwören, recht unbeliebt mache.

Wir haben national wie international manchmal doch Probleme bei den Worten Toleranz und Respekt im Umgang miteinander und im Umgang mit Andersdenkenden oder mit Schutzsuchenden. In den Technik-Bereichen bedeutet das Wort Toleranz "kleinstmögliche Abweichung von der Norm", was wir Deutschen als Erfinder der DIN ja bestens wissen müssten. Auf jeden Fall betrachte ich Toleranz nicht als "Wertelosigkeit" oder "Werteminderung". Im politischen Mit- und manchmal auch Gegeneinander sollten wir stärker als bisher das Wort "Respekt" exakt buchstabieren und leben.

Im internationalen Fußballsport wie jüngst bei den Fußball-Europameisterschafte der Frauen, wo sich unsere erfolgsverwöhnten deutschen Damen nun nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, ist die Armbinde mit dem Wort "Respect" völlig normal, egal, ob die Akteure im konkreten Wettkampf auf dem Spielfeld das dann noch so praktizieren. Aber immerhin verkündet man mit der Aufschrift die hehre Absicht.

Ob nun künftig Brüsseler Beamte oder Europa-Politiker sich auch bei ihrer Arbeit mit einer solchen Armbinde auf den grauen und blauen Anzügen und Kostümen schmücken möchten und so für einen neuen Umgang in der EU werben wollen, ist hier nur eine scherzhafte, hypothetische Überlegung meinerseits.        

Liebe ungarischen Freunde,

es wäre uns schon sehr geholfen, wenn im politischen Alltag und nicht nur bei Schönwetter-Anlässen der ursprüngliche "Paneuropäische Geist von Sopron" zur Wirkung kommen würde.

Nur mit ihm können wir die Herausforderungen der kommenden Jahre bestehen.

Und das wollen und sollten wir gemeinsam packen.

Jetzt sollten wir uns in aller Bescheidenheit und in Demut darüber freuen, dass vor fast dreißig Jahren dieser Geist über Sopron und über die mutigen Akteure von hier und aus ganz Ungarn gekommen ist und Wochen später in Leipzig und anderswo in der DDR der Geist der Gewaltlosigkeit wirken konnte.

In diesem Sinne sage ich zum Schluss:

Gott schütze Ungarn und die beständige und starke Freundschaft unserer beiden Völker in Europa!