Reden

Rede zum Gedenken an das legendäre Paneuropäische Picknick von Sopron 1989
MdB Katharina Landgraf,

Mitglied der CDU/CSU-Fraktion des Deutschen Bundestages

Grußwort zur traditionellen Gedenkfeier des Paneuropäischen Picknicks von Sopron 1989 am 19. August 2016 im Steinbruch und Felsentheater Fertörákos
 
Liebe ungarischen Freunde und Weggefährten des Paneuropäischen Picknicks!
 
Sehr geehrte Damen und Herren!
 
Seit nunmehr zehn Jahren habe ich die ehrenvolle Aufgabe, im Namen der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag zu den Gedenkfeierlichkeiten des Paneuropäischen Picknicks des Jahres 1989 zu kommen und zu Ihnen zu sprechen.
 
Auch in diesem Jahr will ich Ihnen von ganzem Herzen Dank sagen für Ihren besonderen und unschätzbaren Beitrag zur der deutschen Wiedervereinigung.
 
Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 begann hier knapp zwölf Wochen zuvor im wahrlich heißen Sommer von Sopron. 
 
Sie haben hier in Sopron für einen welthistorischen Impuls gesorgt, der unvergessen bleibt und für alle Zeiten im europäischen Gedächtnis fest verankert ist!
 
Für mich als Politikerin aus den neuen deutschen Bundesländern ist diese Danksagung eine besondere angenehme Aufgabe, denn Sie, liebe ungarischen Freunde, haben mir als Bürgerin aus der damaligen DDR den Weg in die Freiheit und den Weg nach Europa ermöglicht.
 
Im  Anblick des desaströsen Eisernen Vorhanges hier vor Ort und der europäischen Teilung insgesamt  haben die Aktivisten des Paneuropäischen Picknicks uns allen den Traum vom friedlichen Zusammenleben der europäischen Völker vermitteln wollen.
 
Das war vor 27 Jahren eine mutige und für die Akteure eine nicht ungefährliche Aktion. Sie stand aber unter dem guten, hellstrahlenden Stern der Zuversicht.
 
Dass die symbolische Öffnung des Grenzzaunes zum spontanen Grenzdurchbruch für hunderte Menschen aus der DDR führte, hatte uns alle damals total überrascht und verblüfft. Am Ende dürfen wir in Demut für diese gemeinsame Gnade dankbar sein. Und wir sollten diese Erfahrung unentwegt an die jüngeren Generationen weitergeben.
 
Schülerinnen aus meiner sächsischen Heimat haben vor wenigen Jahren uns dabei schon geholfen und selbst ein besonderes Geschichtsbuch über das Paneuropäische Picknick geschrieben - aus heutiger Sicht und aus ihrem jungen Blickwinkel. Das Buch-Projekt wurde freundlicherweise unterstützt und finanziert von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest. Die Projektarbeit der Schülerinnen mit den beeindruckenden Zeitzeugeninterviews wurde nicht zuletzt auch von der deutschen Botschaft in Budapest engagiert begleitet. Als Mitinitiatorin fand ich das ganz toll – auch die großartige Gastfreundschaft für die jungen Damen hier vor Ort. Dafür sollte es jetzt einen großen Applaus geben!
 
Ich wünsche mir übrigens, dass dieses kleine Buch „Der Nachgeschmack von Speck und Pörkölt“  in Deutschland und in Ungarn zu einem politischen Bestseller wird und noch viele Nachauflagen folgen können!
 
In wenigen Tagen – vom 4. bis 10. September kommen junge Ungarn nach Berlin. Dort wird das nächste deutsch-ungarische Jugendcamp unter dem Titel „Europa der Zukunft“  vom deutsch-ungarischen Jugendwerk veranstaltet. Ein interessantes und abwechslungsreiches Programm wird ein nachhaltiges Erleben der gemeinsamen Politik ermöglichen. Auch dem 60. Jahrestag der ungarischen Revolution sind Veranstaltungen gewidmet.
 
Das Jugendwerk ist übrigens im vorigen Jahr von deutschen Politikern und Wirtschaftsleuten gegründet worden und erfährt mittlerweile auch eine aktive Unterstützung durch Repräsentanten und durch ein Mitglied der ungarischen Regierung.  So ist auch mein persönlicher langgehegter Wunsch Wirklichkeit geworden. Allerdings brauchen wir noch viele starke Partner vor allem aus der Wirtschaft, damit dieses Jugendwerk einen erfolgreichen Weg in die Zukunft erfahren kann.
 
Liebe ungarische Freunde, sehr geehrte Festgäste!
 
Seit unseren Gedenkfeierlichkeiten im August des vorigen Jahres hat sich unser gemeinsames Haus Europa extrem verändert.
 
Wir alle sind nunmehr von den anhaltenden Konflikten im arabischen und afrikanischen Raum sozusagen eingeholt worden.
 
Das war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass hilfesuchende Menschen an unsere Türen klopfen und Zuflucht suchen.
 
Wir müssen aber auch deutlich sagen, dass Kriminelle, Schleuser und Menschenhändler diese katastrophale Situation in den Krisengebieten schamlos und geldgierig ausgenutzt haben.
 
Die im letzten Jahr erlebte Flüchtlingswelle in Richtung und quer durch Europa können wir nicht vergleichen mit der Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg oder mit dem anhaltendem Exodus aus der DDR in den fünfziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
 
Das, was jetzt geschehen ist, hat eine völlig neue Dimension, die uns Europäer vor eine harte Bewährungsprobe stellt. Wie noch nie in der jungen europäischen Geschichte geht es um die Bewahrung der Grundwerte des christlichen Abendlandes.
 
Wie gehen wir mit Menschen um, die eigentlich nur vor Krieg und Terror ausreißen, die nur Ruhe und Frieden finden wollen, aber aus anderen Kulturkreisen mit für uns fremden, anderen religiösen und politischen Grundwerten, mit anderen Brauchtümern und Traditionen leben und dies auch künftig hier tun wollen? Können wir den inneren Frieden in den nationalen Gesellschaften bewahren?
 
Es geht vor allem um den Frieden in Europa als dem wichtigstem Stabilisator der Union.
 
Sind wir eine tatsächliche Wertegemeinschaft, die von Partnerschaft und Solidarität getragen wird?!
 
Oder sind wir nur ein Klub von nationalen Egoisten, die sich nur um Finanzen, Geldflüsse und um Schulden der anderen kümmern?!
 
Oder sind wir doch nur ein europäischer Verein der Bürokraten und Paragraphen?!
 
Das sind Fragestellungen, auf die wir selbst und souverän antworten müssen - ohne weiteren Zeitaufschub.
 
Ganz offensichtlich sind wir gehalten, Europa neu zu denken und im Sinne der Menschlichkeit umzugestalten.
 
Wir brauchen vor allem einen geistigen Frieden, den wir ganz bestimmt nicht mit der Androhung von EU-Strafzahlungen schaffen!
 
Wir schaffen das nur, indem wir partnerschaftlich und im freien Dialog miteinander verkehren.
 
Wir schaffen das nur, wenn die Menschen aufeinander zugehen, sich begegnen und einander zuhören und akzeptieren. Das ist das ganze Gegenteil von Terror und Gewalt und Teilung.
 
Liebe Freunde! Der Geist des Paneuropäischen Picknicks von 1989 hat dazu beigetragen, das geteilte Europa grundlegend zu verändern und in eine neue Dimension zu führen.
 
Mein ganz persönliches Empfinden ist es, dass wir möglicherweise hier und jetzt an einem Punkt angelangt sind, an dem wir diesen Geist von Sopron wieder wirken lassen müssen.
 
Lassen Sie uns hier im Herzen Europas gemeinsam darüber nachdenken und sprechen. Auch das ist eine Form für ein würdiges Gedenken an die friedvollen Ereignisse des Jahres 1989. 
 
Das wäre ein wichtiges Signal in unserer heutigen schwierigen Zeit für unser gemeinsames europäisches Haus. 
 
Gott schütze Ungarn und die Freundschaft zwischen unseren beiden Nationen!