Reden

Rede zum Bundeshaushalt 2014 am 11. September 2014 - Einzelplan Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
MdB Katharina Landgraf - Rede zur Debatte zum Einzelplan 10 des Bundeshaushaltes 2015 – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft am 11. September 2014 
 
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich behaupte mal ganz frank und frei, dass ich am heutigen Nachmittag in der Debatte um den Einzelplan 10 das angenehmste und interessanteste Thema habe: die Ernährung oder besser gesagt: die gesunde Ernährung. 
 
Das Thema interessiert doch wohl jeden Menschen! Kochen und Verspeisen begeistern immer mehr Fernseh-Zuschauer. Heute Nachmittag, also zu dieser Stunde, gibt es beispielsweise im ZDF sogar zwei solcher Koch-Shows, nur unterbrochen durch die 15-Uhr-Nachrichten. 
 
Bei diesen so genannten Küchenschlachten in öffentlich-rechtlichen Programmen und auch bei den Privaten oder in geruhsamen Heimatmagazinen kann man neugierig und völlig legitim in fremde und manchmal sogar auch in adelige Kochtöpfe gucken. 
 
Es gibt kaum eine Unterhaltungssendung, in der nicht gekocht und gespeist wird. Und hin und wieder wird nicht nur das jeweilige Rezept vorgestellt, sondern auch die Zutaten und die Herkunft erläutert. Zur Perfektion dieser Mediensparte fehlt eigentlich nur noch das Geruchs-Fernsehen. Das wäre ganz gewiss der Hit auf der traditionellen Funkausstellung hier in Berlin! Die mediale Publicity für Kochen und Genießen ist fast nicht mehr steigerungsfähig! Das Ganze erscheint als Selbstläufer. 
 
Da könnte man meinen, dass bei der Fülle der Angebote rund um die Uhr weitere Aufklärungskampagnen oder vom Bund geförderte Projekte zum Thema Ernährung  eingespart werden könnten.Aber so einfach ist das leider nicht! 
 
Meine Damen und Herren, allbekannt sein dürfte das Sprichwort: „Weil Speis` und Trank in dieser Welt doch Leib und Seel`  zusammenhält.“ Der Spruch stammt vom Librettisten Hinsch. Er schrieb ihn für das Singspiel „Der irrende Ritter Don Quixotte“. 
 
Wie empfinden wir heute einen solchen Spruch aus einer Zeit, wo Überfluss anders interpretiert oder gar nicht so bekannt war? Immer wieder ist diese Weisheit auch heute noch zu hören, wenn es darum geht, „Speis und Trank“ zu genießen. 
 
Was machen wir aber, wenn sich zu allem Überdruss Leib und Seele immer weiter voneinander entfernen? Sprich: der Leib immer umfänglicher wird  und das bei einem unveränderten Geist?  Das ist doch unsere heutige Misere: Deutschland wie auch ganz Europa – wie es jüngst Brüssel entdeckte - wird immer schwerer. Der Handlungsbedarf ist seit langem bekannt. 
 
Die Adipositas-Erkrankung und ihre Vorstufen sind ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der Handlungsdruck ist enorm: Wir haben seit rund sechs Jahren den Nationalen Aktionsplan IN FORM. Es ist die erste Gesamtstrategie, mit der sämtliche Aktivitäten für Ernährung und Bewegung gebündelt werden sollen. Soweit so gut. Fünf Handlungsfelder stehen dabei im Fokus: Vorbildwirkung der öffentlichen Hand, Bedeutung von Bildung und Aufklärung, Bewegung im Alltag, Qualitätsverbesserung bei der Verpflegung außer Haus und Impulse für die Forschung. 
 
Unser Ziel ist klar: In Deutschland ein Umfeld schaffen, in dem ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung in allen Lebensbereichen verankert werden. Das ist wahrlich ein sehr hoher Anspruch. Und Wikipedia verrät außerdem: IN FORM richtet sich an die gesamte Bevölkerung. Die Menschen sollen dort erreicht werden, wo sie leben, arbeiten, lernen und spielen.Der Schwerpunkt der Initiative liegt auf den „Lebenswelten“. Dabei geht der Aktionsplan verstärkt Zielgruppen orientiert vor. Es gibt eigene Schwerpunkte für die Bedürfnisse älterer Menschen und auch gezielte Initiativen für Kinder. Das finde ich toll. Aber wie ist die öffentliche und mediale Wahrnehmung? Eine Antwort darauf würde meinen Beitrag wohl sprengen. Nur so viel sei festgestellt. Ein hoher Bekanntheitsgrad in Fachkreisen reicht bei weitem nicht aus. 
 
Im Jahre 2008 wurde angekündigt, bis zum Jahre 2020 das Ernährungs- und Bewegungsverhalten in Deutschland nachhaltig zu verbessern. Ansätze für eine Halbzeitbilanz findet man u.a. im Geschäftsbericht der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung des Jahres 2013. Gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung ist auch im internationalen Kontext ein besonderes Thema.  So dürfen wir alle gespannt sein, welche neuen Impulse die Internationale Konferenz zur Ernährung Mitte November in Rom geben wird. 
 
Eingebettet in den Aktionsplan ist übrigens PEB – die Plattform für Ernährung und Bewegung. Sie konnte Anfang dieser Woche bereits ihr 10-jähriges Bestehen feiern. PEB ist ein Zusammenschluss von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport, Eltern und Ärzten. Zum runden Geburtstag stellten die Akteure fest, dass der Kampf gegen schlechte Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsarmut weiter gehen und „endlich alle Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen erfassen“ müsse. 
 
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir alle wissen: Ernährung ist im doppelten Sinne eine Kopfsache und weniger eine Angelegenheit von Zeit und Geld. Kopfsache ganz banal, weil eben alle Nahrung durch den Kopf aufgenommen wird. Und die entscheidende andere „Kopfsache“: Das ist das Wissen und Wollen jedes einzelnen Menschen. Jeder Mensch entscheidet mit seinem Wissen und Unwissen darüber, was er mit den Mahlzeiten in sich aufnimmt. Entscheidende Faktoren sind das eigene Wissen, regionale Traditionen und Bräuche, Gepflogenheiten in der Familie. Aber auch die mediale Beeinflussung und Gruppenverhalten außerhalb der Familie sollten nicht unterschätzt werden. Einmal abgesehen davon, dass die Geschmacksnerven im frühesten Kindesalter entwickelt oder eben nicht entwickelt werden, ist doch die Ernährung ein lebenslanges Thema. Wäre es da nicht folgerichtig, wenn wir das alles mit dem lebenslangen Lernen eng verknüpfen?! Meine Anregung dazu ganz konkret: Gestalten wir eine vielseitige Kooperation mit den Volkshochschulen als bewährter öffentlicher Hauptträger des lebenslangen Lernens in unserem Lande. Das sollte bei der weiteren Umsetzung des IN FORM-Aktionsplanes eine zentrale Rolle spielen. 
 
Das könnte die Transformation der umfangreichen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung in die Bildung der Menschen unterstützen. Und zum Zweiten: Wenn wir dauerhafte Strukturen für die Bildungs- und Beratungsarbeit vor Ort wollen, so sollten wir die allgemeine Förderkrankheit „Projektivitis“ in diesem Bereich ein für alle Mal heilen. Die Bildung für gesunde Ernährung und mehr Bewegung ist ein permanenter Prozess, den wir nicht mit zeitlich stark begrenzten Förderprojekten bewältigen können. Das ist auch ein vielfacher Wunsch, den ich aus den Kreisen der verschiedenen Akteure in Vorbereitung dieses Beitrages aufnehmen konnte. 
 
Der Bundeshaushalt sieht im Kapitel 1002 für Informationsmaßnahmen im Ernährungsbereich für den nationalen Aktionsplan stattliche 9,3 Millionen Euro vor. Für die Förderung von Projekten der 16 Verbraucherzentralen drei Millionen Euro  und für Maßnahmen der allgemeinen Verbraucherinformation nochmals 3,7 Millionen Euro. 
 
Das ist insgesamt in Ordnung. Aber zu viel Geld ist es allerdings nicht. Es könnte durchaus mancher Euro mehr sein. Eines dürfte doch klar sein: Mit jedem Euro mehr für eine dauerhafte Bildung, Aufklärung und Beratung heute können wir in Zukunft bei der gesundheitlichen und medizinischen Betreuung der Menschen steigende Kosten möglicherweise vermeiden. 
 
Ganz besonders wünsche ich mir, dass bewährte Informationsmittel für Verbraucher dauerhaft erhalten bleiben. So die Plattform der Verbraucherzentralen „Lebensmittelklarheit“. Das Projekt läuft Ende des Jahres aus. Derzeit wird beim Bundesverband der Verbraucherzentralen an einem Konzept für die Fortführung gearbeitet. Die bisherige Bilanz von „Lebensmittelklarheit“ ist beachtlich: Pro Monat verzeichnet das Portal rund 80 000 Besucherinnen und Besucher. Derzeit befinden sich rund 400 Kurzmeldungen und Fachbeiträge zur Lebensmittelkennzeichnung und Lebensmittelaufmachung sowie Trends und aktuellen Entwicklungen im Bereich „Lebensmittel“ in diesem Portal. 
 
Gesunde Ernährung braucht auch Transparenz und Wissen über das, was angeboten ist. Dafür brauchen wir alle Klarheit im besten Sinne. Hier wünschte ich mir eine ebenbürtige mediale Präsentation wie es mit den eingangs erwähnten Koch-Sendungen geschieht. Schlussendlich könnten so die Leistungen der gesamten Landwirtschaft und deren Bedeutung für eine gesunde Ernährung transparent gemacht und gewürdigt werden. 
 
Ich fasse zusammen: Wir sind mit dem Bundeshaushalt 2015 bei der Information der Verbraucherinnen in Sachen gesunde Ernährung auf gutem Weg, an dessen Ende eine mündige Gesellschaft und aufgeklärte Menschen stehen, die selbst und bewusst darüber entscheiden, ob Speis und Trank den Leib und die Seele zusammenhalten oder – wie eingangs beschrieben – diese auseinanderdriften lassen. Dafür trägt jeder selbst die Verantwortung! 
 
(Es gilt das gesprochene Wort.)