Reden

Rückschau: 20 Jahre Frauen Union
Zur Gründung der gesamtdeutschen Frauen Union im Oktober 1991 in Bonn sollte ich als sächsische FU-Landes-Chefin binnen drei Minuten meinen Freistaat Sachsen in Wort, Bild und Musik vorstellen. Das war nur im ersten Moment eine schwierige Aufgabe: Meine Wahl fiel auf Leipziger Motive, untermalt mit Musik von Johann Sebastian Bach. Die Fotos hatte mein Vater in der Katharinenstraße im Herzen der Messestadt im Jahre 1989 aufgenommen. Sie zeigten einerseits die sanierten Fassaden der prächtigen Bürgerhäuser und andererseits den sonst nicht sichtbaren Verfall der Rückfassaden und der Hinterhöfe. Das war gewissermaßen symbolisch für unsere damalige Situation in der DDR – für fast alle Lebensbereiche und nicht zuletzt im Blick auf das Thema Frauen in Politik und Gesellschaft. 
 
Skeptisch hatte ich im Jahr zuvor während einer Tagung der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmer auf den Rat der damaligen FU-Bundesgeschäftsführerin Ingrid Sehrbock reagiert, in den neuen Ländern eine Frauen Union zu gründen. Brauchen wir so etwas eigentlich, fragte ich mich? Immerhin gab es solche Gliederungen in der CDU des Ostens nicht. Außerdem schien für mich das Thema Frauen in der DDR besser aufgestellt zu sein als in der Bundesrepublik insgesamt. 
 
Unsere gefühlte Gleichberechtigung war ziemlich stark ausgeprägt. Hinzu kam, dass bei den ersten Kontakten mit Akteurinnen der FU Themen und Forderungen erörtert wurden, die meinerseits bereits als realisiert schienen. Zum Beispiel die Angebote des Staates für eine umfassende Kinderbetreuung. Aber während unsere Gesprächspartnerinnen aus den alten Ländern ihre Forderungen dazu formulierten, schlossen bei uns bereits die ersten Kitas, weil die Kinder fehlten. 
 
Überrascht war ich persönlich, dass damals viele engagierte Politikerinnen der Union in uns Ost-Frauen große Hoffnungen setzten, unsere Erfahrungen und Kenntnisse aus der beruflichen Tätigkeit und unserer Stellung in der Gesellschaft in das vereinte Deutschland  einzubringen. Auf den ersten Blick war unsere Position als Frauen durchaus komfortabel: Die Gesetzeslage zur Gleichstellung schien in der auslaufenden DDR bestens zu sein. Eine Vielzahl von Verordnungen sicherte zumindest auf dem Papier unsere Emanzipation.
 
In nahezu allen Unternehmen und staatlichen Einrichtungen hatte es beispielsweise „Frauenförderungspläne“ gegeben. Über deren Umsetzung musste die „staatliche Leitung“ in der Regel einmal im Jahr zum Internationalen Frauentag, bekanntermaßen der 8. März, Rechenschaft ablegen. Dafür sorgte und darüber wachten die Einheitsgewerkschaft und die SED-Betriebsparteiorganisation. 
 
Die durch Staat und SED festgelegte Förderung von Frauen brachte mit einem deutlichen „Zwang zum Ziel“ durchaus Ergebnisse: Es gab für Mädchen und Frauen gleiche Chancen beim Lernen, beim Studieren, bei der Berufsausbildung. Es gab für uns verkürzte Wochenarbeitszeiten und fünf Jahre früher Rente als für Männer. 
 
Die Gleichstellungs-Fassade der DDR präsentierte sich nach außen letztendlich ganz gut. Wie sah aber der Alltag dahinter aus? Frauen in Führungspositionen waren eher eine Seltenheit. Und wenn es eine einmal Chefin gab, so war dies zumeist dank einer indirekten Quotenregelung gegeben. Die DDR war quasi eine staatliche und zentralistisch geregelte Quotengesellschaft. Das zeigte sich beispielsweise bei der Vergabe von Ausbildungs- und Studienplätzen. Die Mehrheit der Bewerber musste aus der Arbeiterschaft stammen. Und der geringere Teil durfte aus akademischen Kreisen kommen. 
 
Als Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer nahm ich die einzigartige Chance wahr, mit dem Beschluss zum Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes nicht nur die Spaltung unseres Vaterlandes zu überwinden.
 
Wir konnten zugleich unsere gewohnte Zwangsgesellschaft in der Vergangenheit zurücklassen. Der Übergang in das vereinte Deutschland schien in Sachen Gleichstellung der Frauen durchaus geglückt zu sein. Immerhin legte der Einigungsvertrag fest, dass der Gesetzgeber den Auftrag erhält, „die Gesetzgebung der Gleichberechtigung von Mann und Frauen weiter auszubauen“ und „die Rechtslage unter dem Gesichtspunkt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gestalten“. 
 
Mit der Verfassungsreform von 1994 gab es einen wichtigen Schritt: Im Artikel 3 des Grundgesetzes heißt es fortan, dass der Staat die „tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ fördert und „auf die Beseitigung bestehender Nachteile“ hinwirken soll.  Das folgende „zweite Gleichstellungsgesetz“, das im selben Jahr in Kraft gesetzt wurde, sicherten den Frauen größere Beschäftigungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu. 
 
Alle diese neuen Regelungen für ganz Deutschland nahm ich durchaus mit Genugtuung auf. Dennoch: Bereits im Sommer 1990 war mir klar geworden: Wir Frauen im Osten sind in einer anderen Gesellschaft angekommen. Allein die neuen Erfahrungen in der veränderten Arbeitswelt und unsere Präsenz in der Politik mahnten Engagement an.
 
In der Volkskammer stellten wir zwar mit Dr. Sabine Bergmann-Pohl die Präsidentin und zugleich das letzte Staatsoberhaupt der DDR, aber unser Anteil betrug in unserer Fraktion nur 15, 4 Prozent. Mit knapp zwanzig Prozent waren wir Frauen in der Volkskammer etwas besser vertreten als im 11. Deutschen Bundestag mit 16,9 Prozent. Unsere Präsenz in politischen Gremien – und nicht zuletzt innerhalb der Union auch in den neuen Ländern - wie auch unsere Stellung im Alltag ließen einfach zu wünschen übrig. Deshalb waren meine spontanen Bedenken zum Thema „FU“ schnell verflogen. 
 
Mit Hilfe von Prof. Rita Süssmuth, mit Ingrid Sehrbock, der heutigen DGB-Vize-Chefin, und beispielsweise mit Annemarie Engelhardt aus Baden-Württemberg konnten wir in kurzer Zeit die Frauen Union auch in Sachsen aufbauen. Hier wie anderswo haben wir heute nicht weniger zu tun als vor zwanzig Jahren. Ungeachtet des geltenden Quorums, das aus meiner Sicht keine Erfolgsgarantie ist und lediglich eine „Sicherheitsleine“ darstellt, wollen wir für eine stärkere Präsenz der Frauen in Politik und Gesellschaft sorgen. Wir müssen in den Gremien der Union eines besonders klar herausstellen: Starke und kompetente Frauen können Wahlkreise direkt gewinnen. Deshalb sollten wir das Mentoring-Programm der Frauen Union auch vor Ort in den Landesverbänden noch kompakter gestalten und umsetzen.