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09.10.2018, 11:40 Uhr
 
Erinnern an den 9. Oktober 1989 - Aufruf zu Besonnenheit, freiem Meinungsaustausch und friedlichem Dialg

Durch die mutige, gewaltlose Kraft der Montagsdemonstrationen wurde der 9. Oktober 1989 zu einem der bedeutendsten Tage unserer jüngeren deutschen Geschichte. Die Montags-demonstrationen waren ein maßgeblicher Bestandteil der Friedlchen Revolution in der DDR im Herbst 1989, die ab September ‘89 in Leipzig stattfanden, aber auch in anderen Städten der DDR. Die Leipziger Nikolaikirche war das Zentrum der immer stärker werdenden Bewegung. Schon seit 1982 beteten hier die Menschen für Frieden und Menschenrechte. Die Friedensgebete waren im Angesicht des Wettrüstens in Ost und West seit Beginn der 1980er-Jahre ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas. Aber sie waren nicht mit diesem Ziel ins Leben gerufen worden, sondern durch den Wunsch junger Christen bei der jährlichen Friedensdekade nach wöchentlichen Friedensgebeten entstanden.

Ab Herbst 1988 versammelten sich jeden Montag Menschen auf dem Leipziger Nikolaikirchhof, jeden Montag mehr. Am 25. September 1989 fanden sie erstmals den Weg auf den Augustusplatz und auf den Leipziger Promenadenring. Sie waren Vorbild für viele weitere Orte des Landes. Woche für Woche gingen so Hunderttausende DDR-Bürger im ganzen Land auf die Straße und protestierten gegen die politischen Verhältnisse. Ziel war eine friedliche, demokratische Neuordnung, insbesondere das Ende der SED-Herrschaft. Es wurden Reisefreiheit und die Abschaffung des Ministeriums für Staatssicherheit gefordert. Die Montagsdemonstrationen entwickelten sich zu einer Massenbewegung.

Das entscheidende Ereignis der Friedlichen Revolution war die große Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. 70 000 Demonstranten überwanden ihre Angst und stellten sich mit dem Ruf "Wir sind das Volk" den bewaffneten Sicherheitskräften entgegen. Die Friedliche Revolution war nicht mehr aufzuhalten. Die Demonstranten in Leipzig hatten damit entscheidend zum Sturz des DDR-Regimes beigetragen. Auch wenn in vielen großen und kleinen Orten ebenfalls gegen das Regime demonstriert wurde, steht Leipzig heute exemplarisch für die Friedliche Revolution 1989 und die weitere Demokratiebewegung in der damaligen DDR. Zum friedlichen Ausgang trug am 9. Oktober auch der Aufruf sechs prominenter Leipziger bei, die die „Montagsdemonstranten“ als auch die Sicherheitskräfte zur Besonnenheit ermahnten. (SED-Bezirkssekretäre Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel, der Universitätstheologe Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange und Gewandhauskapellmeister  Kurt Masur), der Aufruf wurde in den Kirchen verlesen und auch über den Leipziger Stadtfunk.

Aus Sorge um eine bevorstehende Eskalation der Gewalt, die durch Gerüchte und eine einseitige Berichterstattung in der Presse für wahrscheinlich gehalten wurde, hatten sich die sechs in Masurs Haus getroffen und den Aufruf gemeinsam verfasst. Die drei SED-Sekretäre hatten ihr Vorgehen nicht mit der Parteiführung der SED im Bezirk abgestimmt. Besonderen Anteil an einem friedlichen Verlauf hatte auch das besonnene Verhalten der Pfarrer an der Nikolaikirche. Die Gottesdienstbesucher verließen die Kirche mit brennenden Kerzen in der Hand als Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung. Auf dem Vorplatz der Kirche wurden sie bereits von einer Menschenmenge erwartet.

Die Sicherheitskräfte griffen an diesem Tag in der Leipziger Innenstadt nicht gegen die Demonstration ein. Der Demonstrationszug um den Leipziger Innenstadtring konnte sich friedlich entwickeln.

„Aufruf der Sechs“, verlesen von Kurt Masur am Abend des 9. Oktober 1989:

„Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“

[09.10.2018]