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19.06.2020, 11:36 Uhr
 
Katharina Landgraf zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion:

Der 1. Juli 1990 hatte uns alle elektrisiert. Endlich war sie da, die heißersehnte D-Mark! Vielen Leuten war damals nicht vollends bewusst, dass nun eine neue Zeit begonnen hat; für alle Menschen.

Der Vertrag über die Schaffung einer Wirtschafts-, und Währungs- und Sozialunion brachte uns das  Wertesystem der Sozialen Marktwirtschaft und des Rechtsstaates. Das war für mich persönlich unglaublich wichtig - mehr als nur die einfache Währungsumstellung.

Es war die totale Abkehr vom System der DDR und ein entscheidender Schritt zur Beendigung der deutschen Teilung. Unser großes Glück war, dass der politische Wille in einer turbulenten Zeit in verlässliche Gesetze gegossen werden konnte, rasch und ohne großes Zaudern.

Ohne dieses Gesetzeswerk wären wir in der DDR in ein furchtbares Chaos versunken. Das schnelle Handeln auf beiden Seiten hat diese, real bevorstehende Katastrophe verhindern können.

Es war allerdings vielen Menschen im Osten nicht klar, dass der Systemwechsel mit schmerzlichen kollektiven und persönlichen Erfahrungen verbunden sein wird. Auch dreißig Jahre später ist da manches noch nicht völlig überwunden. Das sollten wir in der heutigen Politik nicht vergessen.

Dennoch: Der historische Vertrag war für uns ein Glücksfall. Er emanzipierte uns Ostdeutsche. Wir waren per Gesetz in nahezu allen sozialen Fragen und Bereichen den Menschen im noch anderen Teil Deutschlands gleichgestellt. Und das war trotz der kurzen Weiterexistenz der DDR möglich.

Alles war ein großer Akt staatlicher und gesellschaftlicher Solidarität in einer lange Zeit geteilten Nation. 

Und beide Seiten wussten damals nicht, dass diese Solidarität in materieller, finanzieller und emotionaler Form über viele Jahre gebraucht werden würde. Ein solcher komplexer Systemwechsel - auch in den Köpfen und Herzen der Menschen - ist keine Sache, die man binnen einer Wahlperiode abarbeiten und abhaken könnte. Heute wissen wir es besser.

Es gibt überraschende Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen dem Damals und dem Heute.

Vor 30 Jahren übten wir Demokratie unter einzigartigen knallharten Praxisbedingungen. Dafür hatten wir keine Lehrbücher, vor allem nicht für die friedliche Überwindung einer Diktatur. Wir haben dennoch gehandelt, erfolgreich.

Heute erleben wir eine total veränderte Welt. Sie wurde hier in unserem eigenen wohlhabenden Land und fast überall auf dem Globus durch eine scheinbar unsichtbare Macht, die Teil der Schöpfung ist, ausgebremst, ja fast lahmgelegt. Auch das ist eine noch nie gekannte Lage. Sie erfordert ein Maß an Solidarität, wie wir es noch nicht kennen - hier in unserer Gesellschaft wie auch im Verhältnis mit unseren Nachbarn in Europa und mit den Menschen in aller Welt.

Wir wissen heute klarer denn Je: Unser Wohlstand ist nur möglich geworden mit Europa und der globalisierten Welt. Alles ist sehr fragil und gefährdet. Ganz offenbar bräuchten wir jetzt eine neue Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion - nicht mit uns selbst, sondern mit unseren Partnern in aller Welt.

(zum 21.06.2020)